InstitutionalsDas Geheimnis für eine erfolgreiche Transformation liegt im Bestand

Die Immobilienbranche steht vor gewaltigen Herausforderungen angesichts der erforderlichen Transformation. Das betrifft die Themen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz, aber auch veränderte Nutzungskonzepte und höhere Qualitätsanforderungen, zum Beispiel durch die Erfordernisse des „New Work“. Im Neubau können und müssen die notwendigen Veränderungen bereits umgesetzt werden. Doch Neubau allein kann nicht die Lösung sein. Der weitaus größere Hebel liegt in der Ertüchtigung des Bestands.
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zuletzt aktualisiert07.04.2026
KategorieUmbau im Bestand
Verschiedene Wandtexturen: Metall, Ziegel, Holz und Beton in geometrischen Formen arrangiert.

21 Millionen Gebäude

Es gibt in Deutschland annährend 21 Millionen Gebäude, die nicht Wohngebäude sind.1 Diese innerhalb kürzester Zeit abzureißen und durch Neubau zu ersetzen, wäre erstens unrealistisch, zweitens in den meisten Fällen nicht wünschenswert und drittens auch ökologisch beziehungsweise klimapolitisch kontraproduktiv: 

Unrealistisch, weil es weder die Baukapazitäten dafür gibt noch das zu mobilisierende Kapital. Nicht wünschenswert, weil es sich oftmals um erhaltenswerte Gebäude im Kontext historisch gewachsener Quartiere mit kulturellem Wert handelt. Und ökologisch kontraproduktiv, weil durch Abriss und Neubau so viel CO₂ freigesetzt würde, dass es Jahrzehnte dauern würde, bis diese Emissionen durch den energieeffizienteren Betrieb amortisiert wären – zum Teil länger als die Lebensdauer des Gebäudes.

Die Bundesstiftung Baukultur schätzt, dass der Gebäudebestand in Deutschland im Jahr 2035 lediglich zu 8 Prozent aus Neubauten (ab Baujahr 2022) bestehen wird. Von den 92 Prozent Altbestand werden etwa 30 Prozent als besonders erhaltenswerte Bauten eingeschätzt, 3 Prozent als Denkmale.2

Somit kann die Transformation des Gebäudebestands nur gelingen, indem der Bestand an neue Erfordernisse angepasst und somit zukunftsfähig gemacht wird. Denn nur wenn jetzige und künftige Bedürfnisse berücksichtigt werden, können Klimaresilienz und eine langfristige Nutzung mit Rentabilität und Wirtschaftlichkeit einhergehen. 

Jedes Gebäude ist ein Unikat, deshalb sind die notwendigen Maßnahmen von Objekt zu Objekt unterschiedlich. Energetische Sanierungen sind aber fast immer Teil eines Maßnahmenpakets. Neben Modernisierungen sind auch das Anbauen oder Aufstocken mögliche Ansätze.


 

Bestand weiterentwickeln heißt, historisch gewachsene Quartiere zu bewahren

Umbauprojekte müssen Geschichte und Charakter einer Immobilie wahren und dem Stadtquartier einen Mehrwert bieten. Denn dabei geht es oftmals auch um den Erhalt kultureller Werte. Nadia Eichelberger, Global Head of Real Estate Office & Industrialbei bei Commerz Real, erklärt die Herausforderung so: „Die DNA des Vorhandenen zu integrieren und mit einer neuen Vision anzureichern. Ein Verständnis für die Umgebung zu entwickeln, eine integrative Planung umzusetzen sowie eine langfristige Ausrichtung des Produkts und Akzeptanz in der Bürgerschaft sind wesentliche Erfolgsfaktoren für den Umbau.“ Dabei habe man die Chance, „das Bestehende neu zu denken und in Konzepte zu überführen, die wieder für viele Jahrzehnte Bestand haben können“. Seine Branche sieht Böhnlein dabei in der Pflicht: „Wer wenn nicht wir als Asset-Manager müssen jetzt anfangen, intelligente Umbaukonzepte umzusetzen und langfristig mit dem Bestand zu planen.“

„Statt abzureißen und neu zu bauen, gilt es vornehmlich Bestandsgebäude zu ertüchtigen und weiterzuentwickeln“, bestätigt Sarah Dungs, Vorstandsvorsitzende des Verbands Bauen im Bestand. Das reduziere CO₂-Emissionen genau dort, wo sie entstehen. Allerdings gibt sie auch zu bedenken: „Das Problem ist bekannt, und doch sorgen nicht zuletzt unsere Denkweise und Entscheidungsprämissen sowie geltende Gesetze und Verordnungen dafür, dass Abriss und Neubau oft profitabler erscheinen als Bauen im Bestand.“



Die Zahlen sprechen für den Bestandserhalt

Die Faktenlage ist bekannt: Der Gebäudesektor ist für etwa 40 Prozent der direkten und indirekten globalen CO₂-Emissionen verantwortlich, sondern bindet auch ein Drittel aller Ressourcen, die meisten davon bei der Errichtung, und erzeugt mehr als die Hälfte des Müllaufkommens aus Bau- und Abbruchmaterialien. Allein in Deutschland werden täglich 54 Hektar Grünfläche durch neue Gebäude und Verkehrsflächen versiegelt. Das alles spricht im Sinne einer Kreislaufwirtschaft für den Erhalt und die Weiter- beziehungsweise Wiedernutzung von Bestandsimmobilien.3

Gleichzeitig sehen fast alle Investoren inzwischen in der Gefahr von Stranded Assets – also aufgrund von Nachhaltigkeits- oder anderen Qualitätsmerkmalen unverkäufliche und nicht refinanzierbare Objekte – einen wesentlichen Treiber für Portfolioumschichtungen. Gleichzeitig liegt in dieser großen Herausforderung – nämlich einer behutsamen Modernisierung beziehungsweise Revitalisierung von in die Jahre gekommenen Bestandsobjekten mit Potenzial und unter Berücksichtigung ihres materiellen und immateriellen Wertes – auch eine große Chance für Investor:innen. Ganz gleich, ob sie unter dem Namen „Manage-to-Core“, „Value Add“ oder „Manage-to-Green“ firmiert.

 

Drei Praxisbeispiele zeigen mögliche Optionen

Drei konkrete Fallbeispiele aus dem Portfolio der Commerz-Real-Fonds zeigen beispielhaft, was darunter zu verstehen ist.

Zwei moderne Glasgebäude ragen in den blauen Himmel empor.

2 Amsterdam, Amsterdam

Ausgangslage: Büroimmobilie von 1989 im Geschäftsviertel „Zuidas" von Amsterdam

Herausforderung: Modernisierungsbedarf hinsichtlich ESG, New Work und Design sowie Neupositionierung als Multi-Use-Konzept

Ergebnis: Die alte Struktur wurde erhalten, aufgestockt und in einen Neubau integriert, teilweise Umwandlung in ein Hotel mit Skybar, die einen Panoramablick über Amsterdam bietet und zum Quartierstreffpunkt wurde.

Schäfergasse, Frankfurt am Main

Ausgangslage: leer stehendes Bürogebäude von 1984 in der Frankfurter Innenstadt

Herausforderung: dringender Sanierungsbedarf aufgrund des Alters und der Energieeffizienz mit Umwandlung eines mittelmäßigen Bürogebäudes in dringend benötigten sozialen Wohnraum

Ziel: Die Schaffung von sozialverträglichem und taxonomiekonformem Wohnraum in Kooperation mit der Stadt Frankfurt und dem Caritasverband als Mieter, hinzu kommt ein offenes Begegnungscafé zur Belebung des Quartiers.
Ein modernes, mehrstöckiges Gebäude an einer Straßenecke mit Fußgängern und Autos im Vordergrund.
Menschen spazieren an einem Teich mit Enten, Bäumen und modernen Gebäuden im Hintergrund.

Tucherpark, München

Ausgangslage: ab 1967 entstandenes Gebäude-Ensemble mit Büros, Hotel, Data-Center und Sportanlagen in grüner, zentraler Lage

Herausforderung: Durch Quartiersentwicklung den Tucherpark „zu neuem Leben" erwecken, unter Wahrung des Ensemble-Charakters, Rücksichtnahme auf Einzeldenkmäler und stimmiger Ergänzung durch Neubauten.

Ziel: Schaffung eines innovativen Stadtquartiers mit Platz für Leben, Arbeiten und Versorgen mit neuer ÖPNV-Anbindung, Erhalt von 10 Hektar Grünfläche

Bestandssanierung sollte auch finanziell gewürdigt werden

„Der Bestand hat einen Wert und wir müssen als Gesellschaft und Asset Manager darüber nachdenken, wie wir insgesamt unseren Fußabdruck reduzieren können“, fasst Nadia Eichelberger zusammen. Ein bewusster Umgang mit dem Vorhandenen könne hierbei einen großen Beitrag leisten. Damit die Transformation im Bestand weiter Fahrt aufnimmt, müsse die vorhandene Substanz jedoch anders finanziell gewürdigt werden. Ihr Vorschlag: „Die Emissionen wurden zwar schon emittiert, aber durch die Vermeidung von Abbruch entsteht eine deutlich positivere Bilanz, die man durch eine CO₂-Gutschrift ausgleichen könnte.“

Die Transformation des Gebäudesektors kann nicht gelingen, ohne dass wir uns intensiv um den Bestand kümmern. Das ist eine große Herausforderung – aber auch eine große Chance. Denn wer mit Kreativität und ohne Scheuklappen vermeintlich unvermarktbare Bestandsobjekte betrachtet, erkennt dahinter vielleicht ein visionäres neues Nutzungskonzept. Stranded Assets sind in den meisten Fällen vermeidbar. Das sollte auch finanziell stärker gewürdigt werden.
Nadia Eichelberger
Global Head of Real Estate Office & Industrial bei Commerz Real

1https://www.energieforschung.de/de/aktuelles/news/2021/detailansicht/datenbank-schliesst-wissensluecke-ueber-nichtwohngebaeude

2https://www.bundesstiftung-baukultur.de/fileadmin/files/BKB-22/BBK_BKB-22-23.pdf

3BBSR 2020; dena 2021; Destatis 2022